Dienstag, 13. Oktober 2015

Wo, wenn nicht hier?

Ich stehe in der Küche, fülle Kaffeepulver in meine Tasse - die mit den grünen Punkten - und stelle den kleinen Topf mit Wasser auf die Herdplatte. Einer der Flecken qualmt leicht. Butter oder so. Egal.
Neben mir steht ein großer Mann, er kommt aus Peru, wie er heißt weiß ich nicht. Er siebt die kleinen 0,29 Cent Makkaroni in eine Schüssel und schüttet ein bisschen Pesto mit dazu. Dann grinst er nochmal kurz und verschwindet in eines der Zimmer auf dem Gang, die alle gleich aussehen.

Ich warte bis das Wasser kocht, gieße es in meine Tasse und tue dasselbe.
Es ist komisch.

Irgendwie cool, aufregend, spannend, neu. Und irgendwie seltsam, ungewohnt. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll.
Man lebt in einem Zimmer, teilt sich Küche und Bad mit neun oder zwölf anderen Menschen. Wir haben zwölf Türen. Ich weiß nicht mal ob hinter jeder Tür ein Mensch wohnt.
Ich habe mich an die krachende Eingangstür neben meinem Zimmer gewöhnt. Wenn die Wand morgens um sieben alle 5 Minuten wackelt und die Tür laut knallend ins Schloss fällt und zwei Sekunden danach dann die zweite Eingangstür dasselbe tut nur etwas leiser, drehe ich mich einfach um und schlafe weiter.

Wenn das Bad besetzt ist, warte ich. Wenn ich mein Essen zubereite suche ich krampfhaft nach kurzen Belanglosigkeiten, damit ich nicht zehn Minuten stumm und doof neben fremden Menschen stehe. Und wenn es einer von den Menschen ist, mit denen ich schon öfter geredet habe, dann lachen wir auch und tauschen uns über den Tag aus.

Ich muss auch nicht mehr ganz so oft wieder zurück ins Zimmer rennen, weil ich mein Handtuch oder meine Zahnbürste vergessen habe und ich wäge auch nicht mehr ab, ob ich jetzt raus aufs Klo gehe oder ob ich noch zehn Minuten warte, wenn draußen Leute am Tisch sitzen mit denen ich eventuell reden müsste.
Ich tus einfach. Ich lächle und rede und es ist nicht schlimm.
Mir ist es nur einmal passiert, dass ich mich ausgesperrt hatte. Damals saß ich mit meiner Zigarette und der Tasse Kaffee ohne Jacke auf der Treppe vor der Wohnung und hab überlegt ob ich das Fenster einschlagen soll oder zu meiner Freundin laufen, die 5 km entfernt wohnt und den Zweitschlüssel hat. Es war Samstagmorgen um halb neun und ich wollte nur kurz eine Rauchen, weil die Waschmaschine im anderen Teil des Gebäudes nur 36 Minuten braucht.
Zum Glück hat jemand mein Klopfen gehört und mir aufgemacht.  Und ich wusste von Anfang an, dass mir das mit dem Schlüssel mindestens einmal passiert. Das bin einfach ich.


Wenn ich so dasitze und das schreibe, komme ich mir selbst total dämlich vor.

Ich hab die Chance mit so vielen verschiedenen Kulturen in Kontakt zu treten, so viele neue Menschen kennenzulernen. Und ja, die nutze ich auch. Ich habe eine Freundin aus Frankreich, eine aus Amerika, kenne Menschen aus Portugal, Tschechien, China und ich habe sogar einen finnischen Freund, der mir schon ganz, ganz viel geholfen hat und der wahrscheinlich gar nicht weiß, wie froh ich bin, dass er mich damals in Facebook angeschrieben hat.

Ich sitze nicht mehr die ganze Nacht in meinem Zimmer und bade in Selbstmitleid, ich habe  manchmal Partyabende mit 15 Leuten aus der ganzen Welt, spiele lustige Trinkspiele, probiere fremdes Essen, mache ganz viele Ausflüge und ich komm sehr gut zu recht. Wir sprechen vier verschiedene Sprachen gleichzeitig. Übersetzen Worte von Finnisch, Französisch und Deutsch in Englisch und verstehen uns auch, wenn uns die Vokabeln fehlen.  Irgendeiner kennt das Wort immer und zur Not gibt es ja auch diese eine App auf dem Smartphone.

 Ich treffe mich heimlich mit einer zum Rauchen. Wir wollten ja eigentlich aufhören. Ich öffne einer anderen die Tür, wenn sie klopft und mir weinend das Handy vors Gesicht hält weil sie nicht weiß, was sie diesem einen Jungen nun antworten soll. Wir suchen Lösungen für technische Probleme von denen keiner eine Ahnung hat. Wir helfen uns, wie und wo wir können. Wir fragen nach Hilfe, weil man so ganz allein in einem fremden Land einfach manchmal Hilfe braucht.

 Und es ist ok.

 Ja doch, ich komme ganz gut zurecht. In einem fremden Land, einer fremden Sprache, ganz anderen Systemen und und und.

Und ich mag es hier. Ich lerne mich selbst besser kennen. Mir bleibt gar nichts anderes übrig. Und wen ich wieder zuhause bin, werde ich das alles hier sicherlich vermissen, auch wenn ich wahrscheinlich froh bin, wieder zuhause zu sein.


Ach, und ich hab jetzt ne Grunge-Kette. Die aus dem Kaugummi-Automat von früher. Kennt ihr die noch?


















5 Kommentare:

  1. Es klingt grad total aufregend bei dir & wahrscheinlich hast du Recht, so wirklich vermissen wirst du Es wohl erst Wenn du zu hause bist ^_^
    So eine Kette habe Ich auch, die Sind toll :)

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  2. Hach, schön, dass es dir langsam besser dort geht das freut mich für dich. :)

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  3. Hallu, danke für deinen lieben Kommentar! :3
    Und natürlich für's Folgen – ich habe gerade hier ein bisschen gelesen und folge Dir jetzt auch. (:

    Diese Ketten kenne ich, früher hatte ich auch so eine, Tattooketten heißen die doch, oder? Jetzt passen die nicht mehr zu meinem Stil, aber Dir steht sie gut!

    Liebste Grüße, Kate. <3

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  4. wow, das klingt alles so aufregend was du schreibst :) ! schön, das es sich jetzt nach dem kleinen tief bzw. vielleicht den anfangsschwierigkeiten wieder gut für dich anfühlt. bin gespannt, was du noch alles erlebst - das wird bestimmt noch ne richtig gute zeit dort :) ! danke übrigens noch für deinen kommi, hab mich sehr gefreut. man merkt, das du kennst was ich beschrieben hab und das ist ein gutes gefühl.

    ich denke, das zu einem erfüllten leben auf jeden fall auch wirkliche nähe zu anderen menschen gehört. und dafür ist es irgendwie notwendig, sich den anderen so zu zeigen wie man ist. mir fällt das oft noch schwer und ich verstecke wie du häufig, wie es in mir aussieht. aber ich weiß auch, das mich das einsam macht. und diese einsamkeit mir letztendlich schadet. also versuche ich immerimmer wieder, einige besonderen menschen ein wenig an meinen wirklichen gedanken/gefühlen teilhaben zu lassen. das ist oft richtig schwer aber man wird nicht selten mit dem gefühl von wirklicher verbundenheit und freundschaft belohnt. alles gute <3 :)

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  5. Mit solch einem tollen Post habe ich gar nicht gerechnet, also, weil es dir anfangs so schwer fiel, dich einzuleben. Es freut mich, dass du inzwischen so gut zurecht kommst. Es gib bestimmt viel zu entdecken, lernen und tolle Menschen dort. Behalte die Augen weit offen. <3 Es kann eine schöne Zeit bleiben. :)

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Vielen Dank für deine Worte :-)